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Lwiw. Kriegsmuseum
Ekaterina Shapiro-Obermair / Alexandra Wachter

Seit drei Jahren beschäftigt die Ukraine-Krise die internationale Politik. Im Zuge des Konflikts zwischen pro-europäischen und pro-russischen Kräften spitzten sich auch in Europa die ideologischen Spannungen zu, wobei herkömmliche Vorstellungen von Faschismus und Antifaschismus zunehmend durcheinander geraten. Die Ukraine selbst ist gekennzeichnet durch einen anhaltenden Kampf um Identitäten und Nationalismen, bei dem die bis dato nicht aufgearbeitete Geschichte ebenso heiß umkämpft wird wie ostukrainische Territorien.

Das westukrainische Lwiw gilt als Bollwerk des radikalen ukrainischen Nationalismus. Die nebeneinander existierenden Narrative zum Zweiten Weltkrieg schließen sich dabei in der ehemals multikulturellen Stadt scheinbar gegenseitig aus. Die Künstlerin Ekaterina Shapiro-Obermair und die Historikerin Alexandra Wachter haben im Rahmen intensiver Feldforschungen einen Dialog zu lokalen Communities aufgebaut und die jeweiligen Museen und Monumente besucht. Sie gehen der Frage nach, welche Überschneidungen es zwischen der ukrainischen, den sowjetischen, den jüdischen und den polnischen Gedenkkulturen gibt. In ihrer interdisziplinären Recherche spielt die Erforschung des Visuellen eine zentrale Rolle und wird auch die aktuelle ukrainische Geschichtspolitik ins Visier genommen.

An zwei Terminen im März, dem 15.03. im hoast und dem 21.03. im Depot, wurden erstmals Ausschnitte aus dem umfassenden Videomaterial einer Öffentlichkeit in Wien präsentiert. Das speziell für die Präsentation entwickelte Format ist der Interdisziplinarität des Projekts geschuldet und stellt einen performativen Vortrag dar. Durch das Wechselspiel von Videosequenzen mit Diskussionen werden Einblicke in sehr spezifische Situationen und Stimmungen vor Ort ermöglicht. Das Ergebnis selbst wird zu einem „Kriegsmuseum“, in dem Orte und Menschen vorgestellt werden. Die Vielfalt und die Widersprüchlichkeit aufgezeigter Gedenkpraktiken zeugt von der Komplexität historischer Vorgänge, aber auch von der Komplexität zeitgenössischer Identitäten. Über die Enge der Ortsbezogenheit hinaus wird damit die Frage nach der Findung nationaler und im weitesten Sinne europäischer Selbstfindung gestellt.